Von Windows auf Linux

Ist Umsteigeangst gerechtfertigt?

Die schnelle Antwort lautet: Nein

Aber man muss beim Umstieg von Windows auf Linux differenzieren. Wer sofort produktiv weitermachen muss, bekommt ein Problemchen. Wem es in drei Tagen reicht, der ist viel Bevormundung und Abhängigkeit los.

Der grösste Unterschied ist: Linux ist inzwischen ein modernes grafisches Betriebssystem, das im Gegensatz zu Windows völlig gratis ist. Man muss nur eine Distribution herunterladen und kann sie dann mit einfachen Mitteln auf einen bootfähigen USB-Stick kopieren. Von diesem Stick aus kann man es in der Regel als Live-System betreiben und/oder direkt installieren.

Dieser Live-Betrieb macht es möglich, die Linux Distribution erst einmal zu testen, ohne auf dem Rechner irgend etwas zu verändern. Windows bleibt in dieser Testphase völlig unangetastet. Linux wird etwas langsamer laufen, aber dafür ausschliesslich vom USB-Stick. Es gibt sogar die Option, Linux parallel zu einer existierenden Windows Installation zu installieren. Das führt dazu, dass man sich beim Start des Computers entscheiden kann ... Windows oder Linux.

Linux wird oft komplett mit einem fähigen Büroprogramm (zB Libreoffice) und anderen alternativen Anwendungen (Thunderbird statt Outlook, Nextcloud statt Onedrive, GIMP statt Photoshop) angeboten. Man spart also nicht nur die Kosten des Betriebssystemes, sondern auch die Kosten von Standardanwendungen, die man mitbezahlen muss, wenn man einen neuen Rechner mit vorinstalliertem Windows kauft. Oft denkt man sich, der Rechner kostet einfach so viel. Nein! Der Computer PLUS die Windows Lizenzen kosten so viel. Nackte Rechner ohne Betriebssystem und Lizenz sind billiger.

Das Zauberwort ist Open Source. Das bedeutet, dass der Quellcode dieser ganzen Software frei verfügbar und einsehbar ist. Das hat die Auswirkung, dass auch potentielle Fehlerquellen und Schwachstellen in der Software von vielen Augen gesehen, gemeldet und behoben werden. Das führt auch dazu, dass Anti-Virus Programme bisher kaum nötig sind, denn die Betriebssystemarchitektur verhindert, dass jeder (also auch bösartige Software) am System herumspielen kann. Die Sicherheit ist also systembedingt bereits grösser, unabhängig davon, dass es sich mehr „lohnt“ für weiter verbreitete Betriebssysteme wie Windows, Schadprogramme zu erstellen. Es besteht dadurch keine Abhängigkeit davon, dass eine Firma mit kommerziellen Interesse bei Updates aktiv wird und Fehler zugibt. Im Falle von Windows führt das dazu, dass auch mal zum völlig unpassenden Moment anonyme Updates eingespielt werden, wonach der Rechner prompt neu starten will und wichtige Aufgaben gestört werden können.

Die Anwendungsverwaltung unter Linux aktualisiert nicht nur das Betriebssystem, sondern auch (im Gegensatz zu Windows) alle Anwendungen (Apps, Programme), die auf dem Rechner laufen. Ich kann selbst frei entscheiden welche Updates ich haben will und wann sie gemacht werden sollen. Aufgrund der Betriebssystemarchitektur benötigt Linux deutlich weniger Neustarts nach einem Update, als Windows. Es unterbricht dadurch die Arbeit nicht durch ständige Neustarts oder gefährdet sogar wichtige Steuerungsaufgaben.

Linux kennt keine Zwangsaccounts und sendet darum auch keinerlei Daten „nach Hause“. Bei Windows weiss man nie, welche Daten zu MS geschickt werden. Zudem macht Onedrive oder Outlook zwingend einen Account bei MS zur Voraussetzung. Linux wird dadurch etwas „unbequemer“, macht einen aber auch nicht durch sein Verhalten am Rechner selbst zum Produkt des Systemherstellers und transparent. Man kann selbst entscheiden, wo persönliche Daten gespeichert werden. Benutzt man Nextcloud, kann man diese Cloud sogar zuhause selbst hosten.

Bei Windows gibt es nur ein einziges System (wenn man ältere, nicht mehr unterstützte Versionen ausser Acht lässt) mit einer einzigen Oberfläche. Die verschiedene Linux Distributionen benutzen zwar den gleichen Linux Kernel, bieten aber viele verschiedene grafische Oberflächen mit unterschiedlichen Funktionen. Sie heissen zB KDE oder Cinamon. Man kann es sich im weitesten Sinne vorstellen, wie ganz früher Windows 3.1 mit MS-DOS als Basis. Da war Windows die grafische Oberfläche von MS-DOS.

Beides zu verbinden, wie bei Windows, ist nur für MS „modern“. Bei Linux ermöglicht die „alte“ Methode ein wesentlich breiteres Einsatzspektrum. Nicht umsonst findet man auf reinen Servern in Rechenzentren meistens Linux und kein Windows. Man kann Linux immer noch rein über das Terminal (also sogar ohne grafische Oberfläche) bedienen, muß es aber durch die grafische Oberfläche schon lange nicht mehr. Linux ist schon immer ein echtes Multiuser Betriebssystem, das die Bereiche der User und ihre jeweilige Systemkonfiguration, strikt trennt. Die grafische Bedienbarkeit ist für den Schreibtisch zuhause optimal und die Bedienbarkeit über das Terminal ist für entfernte Server optimal.

Linux benötigt bei weitem nicht so grosse Resourcen, wie Windows braucht. Der Regelfall ist, dass auch ältere Rechner, bei denen Windows 11 eine Installation verweigert, selbst mit modernen Linux Distributionen wieder richtig schnell werden. Es spart den Kauf von mindestens einer Generation neuer Computer. Linux läuft auf älteren CPUs richtig schnell und geht viel sparsamer mit dem RAM um.

Im Gegensatz zu Windows gibt es unter Linux keine Laufwerksbuchstaben, sondern nur ein Dateisystem. In diesem Dateisystem kann man fast nach Belieben an vielen Stellen die Speichergrösse erweitern, indem man dort ein weiteres Laufwerk mountet. Linux benutzt dann diesen zusätzlichen Speicher als Erweiterung für den Ordner, in dem es gemountet ist, ohne dass der User einen Unterschied bemerkt. Im Wesentlichen betrifft das das eigene /home Verzeichnis, in dem alle eigenen Dateien gespeichert werden. Hier kann man durch mounten einer zusätzliches Festplatte den eigenen Speicher vergössern. Mounten bedeutet nichts anderes, als dass dem Betriebssystem mitgeteilt wird, dass sich an dieser Stelle jetzt noch ein Speicher befindet. Darum muss man jedoch auch einen eingesteckten USB Stick erst mounten, was moderne Linuxe jedoch automatisch tun. Im Dateimanager wird dann der zusätzliche Eintrag des Sticks angezeigt. Er erscheint separat als Eintrag oder Icon, damit er mit einem Blick erkennbar ist, obwohl auch er „irgendwo“ im Dateisystem gemountet ist.

Praxis:

Ich empfehle einen Start mit Linux Mint (auch wenn ich inzwischen bei Tuxedo gelandet bin), um schnell produktiv werden zu können. Welche der vielen Linux Distributionen man zum Schluss tatsächlich nutzen will kann man leicht mit Live Sticks ausprobieren, sobald man mit Linux Mint bereits ein wenig Sicherheit erreicht hat. Als Desktop empfehle ich die weit verbreitete Cinnamon Version von Linux Mint. Das macht den Umstieg leicht und sorgt dafür, dass man schnell eine gewisse Sattelfestigkeit erreicht. Viele Funktionen, auch mit der rechten Maustaste, sind Windows sehr ähnlich. Nach max. 3 Tagen kommt man gut mit den Betriebssystemfunktionen klar. Wer Erfahrung mit älteren MS-Office Versionen hat, kommt auch mit LibreOffice sofort gut zurecht. Die Fotobearbeitung GIMP ist sehr umfangreich und dauert deshalb etwas länger. Es gibt aber auch erheblich einfachere und funktionsärmere Software zur schnellen Fotobearbeitung.

Die Hauptarbeit bei der Umstellung ist tatsächlich, sich mit neuen Anwendungen vertraut zu machen. In meinen 8 Jahren Linux Erfahrung gab es bisher tatsächlich nur ein einziges Windows Programm, das ich nicht durch eine Linux Anwendung ersetzen konnte. Man könnte es mit etwas Aufwand evtl. mit WINE auch unter Linux zum Laufen kriegen, aber so wichtig war es mir nicht. WINE kann viele Windows Programme unter Linux laufen lassen.

Es fällt immer wieder auf, dass Neueinsteiger sich leichter tun als Umsteiger. Zu sehr hat Windows bei den Umsteigern die Erwartungen an die Computernutzung geprägt. Alles in allem kann man trotzdem nach spätestens 4-5 Tagen recht flüssig und produktiv arbeiten. Angst vor einem Umstieg ist nicht nur durch die Dual-Boot Funktion völlig unnötig. Man kann ja immer mit Windows arbeiten, wenn man gerade schneller vorankommen muss.

Gratis bedeutet nicht, dass man die Entwickler nicht durch Spenden fördern sollte. Die Spenden führen dazu, dass all diese Software auch weiterhin frei ist und man unabhängig von den Tech Riesen bleibt.