Sizilien ...
... oder: Wie entsteht eine Liebe?
Liebe auf den ersten Blick hat etwas, das einen gerne zweifeln lässt. Kann doch gar nicht sein, sowas, oder ..? Das gleiche auf den zweiten oder dritten Blick erscheint einem seelenlosen Technokraten wie mir dann doch gleich viel vertrauenswürdiger
Mit Sizilien ist es so etwas in dieser Art: Meine erste Reise nach einem Unfall entsprang dem Gedanken, dass man sich von einem längeren Krankenhausaufenthalt unbedingt erholen muss. Im Süden und in der Wärme! Zwei Wochen in Sizilien waren einfach zu organisieren und so flogen wir hin. Die Unfallfolgen machten den Aufenthalt zu keinem einfachen Urlaub und so dachte ich mir danach: "War echt schön, aber nochmal ..? Nö, eigentlich nicht". Sizilien verschwand wieder von meinem Schirm.

Nach ca. fünf Jahren ergab sich jedoch die Möglichkeit, Freunde mit dem Land Rover nach Sizilien zu begleiten, bevor ich eigentlich nach Russland zum Baikal reisen wollte. Diese Gelegenheit nutzte ich also und sie bot mir ungeahnte Perspektiven. Da der Plan zum Baikal zu reisen nun durch die Situation in der Ukraine zwar nicht beerdigt, aber erheblich schwieriger wurde, war ich inzwischen weitere Male in Sizilien. Aber man stelle sich vor, man würde auch nicht mehr in die USA reisen, wenn die gerade Krieg führen: Seit Jahrzehnten käme man dort nicht mehr hin. Das ist natürlich praktizierter Whataboutism, aber nichts zeigt die Scheinheiligkeit der Moralisten besser auf, als naiv zur Schau gestellter Whataboutism!
Sizilien verbindet man oft mit der langen Anfahrt durch den ganzen italienischen Stiefel nach Süden, den Autobahngebühren dort und einer stressigen Autofahrt durch die italienische Hitze sowie mindestens einer Übernachtung auf diesem Weg. Auch ich dachte so und ließ Sizilien deshalb auf meiner Prioritätenliste nach hinten wandern. Warum sollte ich dann nicht gleich in Italien auf dem Festland bleiben? Die Fähre von Genua nach Palermo erledigt das jedoch sehr erholsam: Ca. 20 Stunden mit bequemer Kabine kosten in etwa das gleiche wie die Autofahrt durch Italien und lassen den Urlaub bereits in Genua beginnen. In Genua auf die Fähre und zack - Palermo. Hier muss man sich zwar erst an den Verkehr etwas gewöhnen, aber man ist auf jeden Fall bequem und schnell da.
Mit dieser Reise begann der zweite Blick auf Sizilien
Der Weg nach Genua in den Hafen zur Fähre nach Palermo war einfach und gewohnt. Es dauerte nicht lange, da stellte sich ein anderer Land Rover in die Wartelinie neben uns, um auch auf die Fähre zu warten. Wir kamen ins Gespräch und hatten eine nette Zeit mit diesem Paar. Wir erzählten von unseren Plänen in Sizilien und weil ich länger bleiben wollte als meine Freunde, luden sie mich nach Trapani in ihr Hotel ein: "You will get a special price" machte Riccardo mir den Mund wässrig und er schenkte uns noch zum Abschied eine Flasche Rotwein von seinen eigenen Reben. Sehr nette und sympathische Zeitgenossen, dachte ich mir!
Nach der Ankunft in Palermo ging es gleich mal an der Nordküste entlang in Richtung Ätna, also nach Osten. Der Ätna erschien mir immer als der wichtigste Punkt in Sizilien. Hier und von Messina aus ein Stück nach Süden, befindet sich die einzige mautpflichtige Autobahn Siziliens. Das ist verständlich, denn durch dieses Mittelgebirge hier im Norden mussten unzählige Tunnel gebaut werden. Die Küstenstraße entlang der Autobahn ist jedoch um Klassen schöner, wenn man Zeit hat. An der Nordküste Siziliens zieht sich das wunderschöne Mittelgebirge Monti Nebrodi und damit eine Traumgegend für Motorradfahrer entlang, mit jederzeit möglichen Abstechern nach Süden in die Berge.


