Britannien & Schottland - oder die Whiskytour

Leidenschaften ...

Irgend etwas in mir weigert sich "Groß" Britannien zu sagen. England ist aber sicher auch völlig falsch. Die Zeiten des Empire sind zum Glück vorbei und der Commonwealth hat auch viel anachronistisches Gehabe. Liebenswerter ist Britannien allemal ohne den Empiredünkel, auch wenn sich die reale Politik noch so sehr an das noch bestehende Imperium anbiedert.

Meine erste Reise war 1986 zur Isle of Man Tourist Trophy vor Jahrzehnten: Dieses Motorradrennen ist ein Vorgeschmack auf die typisch britische Art von Leidenschaft, die auch mal völlig unvernünftig und gerade deshalb sehr liebenswürdig sein kann. Vieles mag einem bedrohlich und verrückt erscheinen, aber man sollte nie vergessen, dass es erwachsene Menschen sind, die für ihre Leidenschaften Rennunfälle, Dampfkesselexplosionen und Flugzeugabstürze in alten Kisten in Kauf nehmen. Alle wissen was sie tun und ihre Leidenschaften sind es ihnen wert. Meine eigene Meinung ist auch, dass Menschen ohne Leidenschaften schnell langweilig werden. No risk, no fun ...

Links Auto zu fahren fällt einem in Bezug auf Britannien unwillkürlich als erstes ein. Es ist halb so wild, aber Ausnahmesituationen sind gefährlich. Ich erinnere mich an eine Umkehrsituation im Verkehr auf der Isle of Man vor vielen Jahren, als ich etwas einkaufen wollte und mir klar wurde, dass das Geschäft gar nicht geöffnet sein würde. Ich bin nach dem Umkehren in einem Feldweg auf der falschen Seite gelandet. Routine verhindert Aufmerksamkeit und darum war es diesmal gut, eine aufmerksame Beifahrerin zu haben. Vier Augen sehen mehr als zwei. Eigentlich wäre es nicht unpfiffig, wenn das Navi registrieren würde, dass man in einem Land mit Linksverkehr unterwegs ist und dann immer wieder mal unmotiviert sagt "britisch fahren!", nur um es so oft wie möglich ins Gedächtnis zu rufen. Das Navi oder Beifahrende (haha … gegendert! ) sollten auf keinen Fall sagen "links fahren!". Man könnte meinen, dass es das Gleiche wäre, aber es führt vielleicht zu ungeplanten Richtungswechseln, denn gibt es einen Unterschied zwischen "links fahren" und "links abbiegen"  ..? 

Jetzt endlich gibt es nun doch noch eine Destillerietour nach Schottland (auch wenn ich das vorsichtshalber noch nicht so offen formulieren möchte ), denn der Bayer fühlt sich mit den Schotten verwandt. Was der Bayer in Deutschland, ist der Schotte in Britannien. Separationsgelüste angeblich inklusive. Whisky Liebhaberei verbindet, denn der Whiskyprozess ist im Prinzip das Gleiche wie der Bierprozess ... nur ohne Hopfen. Darum machen inzwischen viele Brauereien hierzulande auch Whisky (und nicht mal schlechten), denn das Equipment ist ja schon fast komplett da. Nicht zu verwechseln ist Whisky mit amerikanischem Whiskey! Dieser eine zusätzliche Buchstabe macht einen enormen Unterschied. Whiskey ist für mich meistens nur ordinärer Maisschnaps. Der ist nur interessant, weil er oft die Burbon-Fässer für den "richtigen" Malt Whisky in Schottland liefert.

Innereien einer "Brennblase, hier entsteht Whisky

Ich weiss, dass es auch andere mit "e" gibt, aber ich bin auf Malt ohne "e" fixiert 😊

Meine Freundin betrachtet zwar mehr die Schlösser und Burgen als Kern der britischen Kultur, aber wir werden sicher Gemeinsamkeiten finden. Auch wenn ich für derlei aristokratischen Krempel und Snobismus eigentlich nichts übrig habe. Für mich sind sie immer noch Ausdruck der Ausbeutung von Kolonien und der Menschen dort. Aristokratischer Rummel steht überwiegend für diese Ausbeutung und nicht für den Willen und die Selbstbestimmung eines Volkes. Aber wie gesagt: ... pssst ... bloß noch nicht über Destillerien sprechen ... 


Wir nahmen die Fähre von Rotterdam nach Hull

In Rotterdam

Der Einstieg nach Britannien ist deshalb bereits in der Mitte der Insel. Wir umgehen dadurch den Großraum London und können gleich zuerst nach Norden fahren. Die Liste der Brennereien in Wikipedia ist eine gute Orientierung. Aber Vorsicht! Aufgrund der schieren Anzahl von Destillerien kann man dieselbe, nämlich die Orientierung, leicht verlieren. Als Liebhaber der rauchigen und torfigen Whiskys ist die Insel Islay in den Inneren Hybriden für mich Pflicht. Man glaubt es kaum, wie viele Geschmacksunterschiede es in ganz Schottland gibt. Selbst wenn nicht alle Gerste aus Schottland kommt, so schmecken die vielen Whiskysorten trotzdem vorzüglich. Die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen erstaunen selbst mich immer wieder: Ob Islay, Highland, Speyside, Lowland - alle Landstriche erkennt man am Geschmack!

Spitfire

Die nächste Liebhaberei ist die von großvolumigen Kolbenmotoren und ihrer Geräuschkulisse. Die Briten sind Liebhaber von altem Zeug, von Dampfmaschinen bis zu Fahr- und Flugzeugen. Wenn man weiß, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das Jet-Zeitalter begann, ist man sich im Klaren darüber, dass die Propellerjagdflugzeuge dieses Krieges die Krönung des Baus von Propellerfliegern mit großvolumigen Kolbenmotoren waren. Wenn man sich die Bewaffnung dieser Flieger weg denkt, dann sind sie aus heutiger Sicht die ultimativen Sportmaschinen. Es gab nie leistungsfähigeres und kompromissloseres mit Propeller und Kolbenmotor. Aus dieser Sicht kann man sogar perverses Kriegsgerät toll finden: Egal ob es eine Spitfire oder eine Messerschmitt ist. Nicht umsonst werden in den USA Mustang P51 als Pylon-Rennmaschinen eingesetzt.

Liebenswerte Spinnereien sind in Britannien überall erkennbar. Herrlich. Wir bewegen uns also ständig im Spannungsfeld zwischen der hochkarätigen Kunst mit William Shakespeare, den unverzichtbaren theoretischen Grundlagen eines Isaac Newton und der hemdsärmeligen praktischen Ausführung eines James Watt - alles von Weltrang. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass mein Land Rover OneTen hier nicht nur "nach Hause" gebracht wird, sondern auch alles ein wenig vereint: In seiner technischen Funktion und Unperfektheit kommt unmittelbar auch die Kunst und die Leidenschaft zum Ausdruck. Leidenschaft stimmt absolut, denn wer einen alten eckigen Land Rover fährt, muss leidensfähig sein ... 

Als typisch britisch kann man auch "greenlaneing" empfinden

Das Fahren auf unbefestigten Wegen. Ist das die britische Alternative zu TET-Wegen? Der Hintergrund ist, dass es in Britannien seit dem Mittelalter viele Wege gibt, die zwar ihre verkehrstechnische Bedeutung im modernen Straßenbau verloren haben, nicht aber ihr Wegerecht. Das führte dazu, dass der Verkehr sich jetzt vielerorts woanders auf asphaltierten Straßen befindet, aber sogenannte "Byways" immer noch rechtlich für den öffentlichen Verkehr zugelassen sind. Asphaltiert wurden sie nie und so sind sie ein El Dorado für den 4x4 Freund. Die Green Lane Association (GLASS) kümmert sich darum und so ist eine Jahresmitgliedschaft, die ein Verzeichnis aller Wege und Navigationshilfen umfasst, sehr zu empfehlen. GLASS sorgt dafür, dass solches Kulturgut nicht verfällt und in Vergessenheit gerät. Man tut mit der Jahresmitgliedschaft also auch noch etwas Gutes, selbst wenn man die Infos zu diesen Wegen auch anderweitig bekommen kann. GLASS organisiert die Pflege der Wege in gemeinsamen Aktionen und Ausfahrten. Zwischen den Byways und den TET-Wegen gibt es verständlicherweise viele Überlappungen und so führt beides auf Wegen ohne Asphalt in eine wunderbare Landschaft

Los geht's: Ankunft mit der Fähre in Hull

Wenn man im Linksverkehr fährt, dann merkt man erst, was man im gewohnten Straßenverkehr alles intuitiv macht. Man rollt aus der Fähre hinaus und wird sozusagen sofort ins kalte Wasser geschmissen: Und nun schwimm! Intuitiv fahren gilt hier für die ersten paar Tage gar nicht mehr. Man ist abends fix und fertig, weil nichts mehr automatisch geht. Die Konzentration fordert ihren Tribut: Oft steht man vor einer Kreuzung, wo einfach in die Mitte ein weißer Kreis auf den Boden gemalt wurde ... und hier soll man sich nun verhalten wie in einem Kreisverkehr und den Kringel nicht überfahren? Hä?

Peak District

Unser erstes Ziel war der Peak District. Der Rufford Ford, eine jahrhundertealte Furt, liegt quasi auf dem Weg und so machten wir einen Abstecher. Es gibt viele YouTube Videos von ihm, aber er ist inzwischen geschlossen. Er wurde zum Hip-Ort für TikTok Filmer und Youtuber und es gab jede Menge Unfälle, so dass die Rettungsteams die Sperrung veranlassten. Schlichte Leute verursachten aus Selbstdarstellungsgelüsten zu viele Einsätze. Der Parkplatz kostet trotzdem 5 Pfund.

Im Peak District findet man eine sanft geschwungene Hügellandschaft. Die Hügel zwischen 500 und 600 Meter Höhe sind für den Briten schon Peaks. Hier gibt es viele TET-Wege und Byways und man kann tagelang völlig legal Offroad fahren. Man kann den ganzen Tag wirklich wild kurbeln, fährt unter dem Strich 50 km weit und ist am Ende 10 km vom Ausgangsort entfernt. Mit einer britischen Ikone wie dem Land Rover in Britannien zu sein ist ein Privileg: Der Land Rover ist wieder der absolute Türöffner zu den Menschen. Schon beim ersten Frühstück vor dem Landy an einem offensichtlich recht bekannten Ausflugsort in den Hügeln blieben viele Leute zu einem kurzen Schwätzchen stehen: "I have an old Ninety at home!" 

Mein quer aufklappendes Hubdach ist ein richtiger Magnet. Ich kam fast nicht zum Frühstück. Die Zeit für so etwas ist wirklich nennenswert, aber solche Verzögerungen nimmt man gerne in Kauf, sind sie doch das Salz in der Suppe des Reisens. Die TET-Wege im Peak District sind teilweise recht herausfordernd. Zwar kann man viele Wege sogar mit einem 2WD fahren, aber an vorher auf der Karte nicht erkennbaren Passagen ist dann oft Schluss mit 2WD. Da muss es dann schon ein echter Offroader sein. Eines Morgens fährt am Frühstückstisch glatt eine Oldtimer Rally mit gut 40 Wagen vorbei. Sogar ein Morgan Threewheeler mit 1000er JAP Motor war dabei

 

Die Wanderer lachen einen auf den TET-Wegen an und öffnen sogar Gates für einen, damit man durchfahren kann. Man stelle sich das in  Deutschland vor. Hier würde man eher empört das Kennzeichen fotografieren und die Polizei holen. Natürlich ist das in Anbetracht der Bevölkerungsdichte auch verständlich und man fährt allein deshalb schon nicht auf Wanderwegen. Umso mehr fällt es einem aber in anderen Ländern auf!

Liverpool & Lake District

Nun ging der Weg nach Liverpool, um dort bei einem Teiledealer noch ein paar Kleinigkeiten für den Landy abzuholen. Sagte ich schon, dass so ein Land Rover NIE fertig ist? Irgendwas kann man immer brauchen. Liverpool ist eine große Stadt wie viele andere auch, aber als Heimatstadt der Beatles ist das natürlich das bestimmende Element in Liverpool. Das Albert Dock muss besucht werden. Die Beatles leben! ... und man sollte sich hier nicht als Rolling Stones Fan outen!

 

Weiter ging es nach Norden in den Lake District zum Treffen mit einem Freund. Er war bereits die Wochen vorher hier unterwegs und wir vereinbarten ein Treffen. Er kam aus Schottland und wir waren auf dem Weg dorthin. Da er auch ein Whiskyfreund ist, ergab sich mit seinen mitgebrachten Preziosen ein Whisky-Tasting. Hicks ...

Am nächsten Tag hatten wir ganztägig typisch englischen Landregen und darum machten wir einen Tag Pause in Grizedale. Es war ein angenehmer Sommerregen bei T-Shirt Temperaturen mit gaaanz sanften und vielen hauchdünnen Bindfäden aus Wasser, die eine leichte Brise vor sich hin wehte. Bisher war mir englischer Landregen kein Begriff, aber jetzt wusste ich, was gemeint war. Man überschätzt es gerne, wie weit nördlich Schottland eigentlich liegt. Die Nordküste liegt in der Tat auf der geografischen Höhe von Stockholm. Man bewegt sich also tatsächlich auf der Höhe von Dänemark und Südschweden. Intuitiv hätte ich Schottland nördlicher angesetzt, aber es erklärt zusammen mit dem Golfstrom die moderaten Temperaturen.

Im Verlauf des Tages hat sich der Omnia Backofen wieder bestens bewährt. Ich hatte noch vom Festland türkischen Yufka Teig mitgebracht und bereitete ihn mit einer Gemüsefüllung zu. Ging super. Es war wohl eine Art türkische Calzone Pizza ... Auch im Lake District gibt es viele TET-Wege und Byways und entsprechend kamen wir nur langsam vorwärts, als wir wieder unterwegs waren - was bei dieser Landschaft aber nicht bedauerlich ist.

Es ergab sich ein Besuch im Lakeland Motor Museum in Backbarrow. Hier findet sich tatsächlich sogar ein Messerschmitt Kabinenroller, dessen Konstrukteur Fritz Fend ich vor vielen Jahren kennen lernen durfte. Er hatte gerade den F2000 gebaut, der ein würdiger Nachfolger der Kabinenroller war. Der damalige Prototyp, den er mir zeigte, befindet sich nun in Bad Wörishofen. Er hat eine BMW K75 Triebsatzschwinge und war mit seiner Technologie und knapp über zwei Liter Verbrauch der Zeit weit voraus. Den Urahnen des F2000 sah ich noch vor wenigen Tagen per Zufall bei der Oldtimerrally - den Morgan Threewheeler.

Heute bin ich doch auf die falsche Straßenseite geraten  ... also, ich bin "kontinental" gefahren. Wieder passierte es beim Umdrehen. Eine aufmerksame Beifahrerin ist schon toll. Nichts ist passiert, weil vier Augen einfach mehr sehen als zwei ..!

Richtung Edinburgh

Die heutige Fahrt ging aus dem Regen in die Sonne nach Norden aus dem Lake District bis ca. Dumfries. "Da hinten wird’s schon heller." Diese alte Motorradfahrerweisheit bei Regen, war man geneigt zu sagen. Wenn es in diesen Tagen gerade mal nicht regnete, schien aber trotzdem die Luft nass zu sein. Von Regen ist in der Tat ganz schön oft die Rede, aber er wurde durch die gemütlichen Temperaturen nicht als unangenehm empfunden. Wohl auch deshalb, weil die Schotten sich durch so etwas nicht irritieren lassen und trotzdem ihren Freizeitspäßen nachgehen.



Bei einem solch positiven Vorbild mag man natürlich nicht nachstehen. Auf unserem nächsten Nachtplatz auf einer Lichtung im Wald fanden wir Kontakt zu zwei Schweizer Radlern mit Zelt: Sie interessierten sich für meine vielen Islandaufkleber am Auto. Schon waren wir im Gespräch über Island und ich habe ihnen meinen Island Bildervortrag vorgeführt, weil sie nach ihrer Schottlandreise Island besuchen wollen. Es hat allen gefallen und sie fühlten sich vorab gut informiert. Ihre Aussage war, sie hätten jetzt noch mehr Lust nach Island zu fahren, obwohl ich versuchte, ihnen das Fortbewegungsmittel "Fahrrad" für Island auszureden: Schließlich sollte man auch dort - ebenso wie in Schottland - imstande sein, schnell vor dem Wetter zu flüchten und in die Sonne zu fahren.

Auf vielen Nachtplätzen lernt man sofort Leute kennen: Auf dem Platz einer weiteren Nacht am Megget Reservoir haben wir eine supernette schottische Familie kennengelernt. Man schenkte uns sogar Brennholz, damit wir Feuer machen können. Im britischen "Wild camping" Forum kann man POIs downloaden, die ich als äußerst hilfreich empfand. Dort sind viele dieser potentiellen Nachtplätze und auch Toiletten sowie Trinkwasserstellen angegeben. Es ist enorm hilfreich, diese ganzen Camps und Infos zu haben.

Irgendwie waren wir inzwischen ganz automatisch zur NC500 unterwegs. Das dürfte für erstmalige Schottlandtouristen eines der lohnendsten Ziele sein. Diese Ringstraße ganz oben rund um Schottlands Norden hat mit 500 Meilen Länge sehr viel zu bieten und ist ein guter Ausgangsort für alle Aktivitäten. Man kann aus allen Richtungen Abstecher ins Landesinnere, in die Highlands, machen und es erklärt sich von selbst, dass es an dieser Hauptverkehrsroute viele Sehenswürdigkeiten gibt.


Wikipedia

Auf dem Weg nach Norden kommt man automatisch durch Edinburgh. Aber Edinburgh spontan zu besuchen geht fast nicht: Es scheitert schon am Parkplatz, denn in der Innenstadt gibt es quasi keinen. Draußen parken und mit dem Bus hinein? Ja, aber auch das erfordert einen gewissen Aufwand und viel Zeit, wenn man das Bussystem gar nicht kennt. Besser erschien es uns darum, auf dem Rückweg nochmal mit besserer Vorbereitung vorbei zu kommen. Bei der kurzen Fahrt durch die Stadt bemerkte man aber sofort die vielen Surveilance Cameras (Überwachungskameras) überall. Was habe ich angestellt? Man bekommt augenblicklich ein schlechtes Gewissen, auch wenn man sich keiner Schuld bewusst ist. Die vielen Kameras entsprechen einem Generalverdacht, den man wohl gegen die ganze Menschheit allgemein hat ... 

Coastal Trail West

Unser Nachtplatz war ein Parkplatz am Meer am Ende einer Stichstraße zur Küste. Solche Plätze werden von vielen Reisenden als Übernachtungsplatz benutzt und so finden sich oft mehrere Wohnmobile dort ein. Auch die ansässigen Briten nutzen die Plätze, um mit ihren Hunden morgens Gassi zu gehen. Mit erstaunlicher Konsequenz haben alle ihr Hundesäckchen dabei und nehmen Hinterlassenschaften der Kö ..., ähh, Hunde wieder mit. Es ist auffällig, wie viele Hunde es in Schottland gibt: Gefühlt hat jeder einen ... oder zwei. Später einmal zog es regelrecht unsere Aufmerksamkeit auf sich, als eine junge Dame mit ihren zwei Kindern aus dem Auto stieg, um spazieren zu gehen. Hallo? KINDER? ... und wo sind die Hunde? 

Hier im Norden steht der Holunder gerade in voller Blüte, obwohl zuhause die Blütezeit seit Wochen vorbei ist. Also gibt es demnächst die britische Variante von Hollerkiachl mit Guinness. Das ist zwar nicht britisch, aber irisch. Aus der Gegend halt. Es wird sicher fein schmecken. In Schottland gibt es übrigens weder TET-Wege noch Byways: Offroadfahren hält sich hier also in Grenzen ...

Wir legten einen Ruhetag in Portsoy bei zunehmend schönem Wetter direkt am Meer ein. Es war ein Campingplatz und wir suchten uns einen wunderschönen Stellplatz mit Sicht auf den Strand aus. Da es aber windig war, erwies sich der Wellengang zwar sehr beeindruckend, aber auch als laut ... auch in der Nacht. Das Meer hält sich nicht an Ruhezeiten und so waren wir froh, Ohrenstöpsel dabei zu haben. Die kann man nicht nur an Nachtplätzen bei lauteren Straßen brauchen, sondern auch am Strand, wie wir lernten. Was für ein Getöse!

Meine Freundin war heute Radlfahren und ich habe in Portsoy der Tide beim tiden zugeschaut, rein und wieder raus. Auch sehr erholsam. Dazu ein Bierchen und den Tag genossen. Alkohol scheint bei den Briten besondere Aufmerksamkeit zu verdienen: Auf Dosen und Flaschen sind sogenannte Alcohol Units angegeben. Man will es den Leuten leichter machen, den Überblick zu behalten, wie viel reinen Alkohol sie denn nun zu sich nehmen. Ein Alcohol-Unit entspricht also 10 ml oder 8 mg reinem Alkohol. Eine UK Unit Alkohol ist darum bei Whisky ein anderes Volumen als bei Bier. Aber der Alkoholi ... sorry Konsument, weiß dann immer wie viel Units er noch trinken kann.

Speyside

Weiter zur NC500: Der Coastal Trail West ist die Straße an der Westküste entlang. Zwischen Fraserburgh und Elgin mit vielen kleinen ehemaligen Fischerdörfern wurde so etwas wie "sanfter" Tourismus realisiert. Es gibt touristische Infrastruktur und trotzdem viele kleine Läden, aus denen sich die Leute hier versorgen. Das ist zusammen mit viel Kultur und Geschichte eine sehr angenehme Mischung. Schließlich gelangten wir an die Mündung des Flusses Spey. Vom Spey kommen die berühmten Speyside Whiskys und darum ist er hier natürlich voller Whisky - den Fischen scheint es gut zu bekommen ...

Als Liebhaber der torfigen und rauchigen Islay Whiskys bezeichnet man die Speyside Whiskys ja gerne als "Mädchenwhisky". Sie schmecken durch die Bank sehr fruchtig und frisch ... viel gefälliger. Der Begriff "Mädchenwhisky" beruht dabei auf meiner Erfahrung, dass Frauen tatsächlich kaum zu den torfigen Islay Whiskys greifen. Sie mögen die Speyside oft viel lieber. Der Fluss scheint wunderbar für Kanutouren geeignet zu sein. Mein Boot war leider nicht dabei, denn nicht nur der Spey eignet sich hervorragend. Viele andere Flüsse und Lochs sahen sehr einladend aus. Den Fluss entlang fuhren wir also ins Speytal hinein auf den Cairngorms Nationalpark zu. Kann man eigentlich schöne Straßen am Loch entlang als löchrig bezeichnen? Wenn wir schon bei den Kalauern sind: Was hat lauter Löcher und läuft trotzdem nicht aus? Jaaa ... ok, der war sehr flach ... 

In Boat of Garten wurde uns das Restaurant Andersons empfohlen: Indeed war es eine sehr gute Empfehlung.

Cairngorms Nationalpark = Speyside = viele Destillerien? Tatsächlich gibt es hier all das auf engem Raum. In Schottland gibt es derzeit um die 130 aktive Destillerien, viele sehr namhafte davon hier im Speytal.

Bei gut stehendem Wind kann man an den relativ großen Lagerhauskomplexen schon von Weitem den "Angels Share", den "Anteil der Engel" riechen: Den Whisky, der durch das Holz des Fasses in den Warehouses verdunstet ... Das sind immerhin rund 1% bis 2% der eingelagerten Produktion pro Jahr. Natürlich duftet so etwas. Ist es nun doch eine Destillerietour? Zumindest kann ich mich hier noch vornehm zurückhalten, denn Speyside = Mädchenwhisky. Sie schmecken mir auch gut (wie eigentlich alle Single Malts), aber sie bieten nicht das nachhaltige Geschmackserlebnis des Islay Whiskys.

Hier bekommt man als Whiskyliebhaber und -kenner jedoch den Eindruck, dass man nie in Schottland gewesen sein muss, um trotzdem das Gefühl zu haben, man würde zumindest dem Namen nach jedes zweite Dorf kennen. Zumindest habe ich viele davon nun auch in Realität kennen gelernt. Eine Inverness Stadtbesichtigung klappte nicht ausgiebig genug, weil wir schon wieder nicht vernünftig genug vorbereitet waren. Wir sind einfach immer viel zu spontan. Es wird dann aber doch noch ein wenig Besichtigung zu Fuß in der Stadt mit Frühstück im Victoria Market. Eine kleine Markthalle. Ein klassisches schottisches Frühstück mit Ham and Eggs und natürlich gebratenem Haggis muss sein. Inverness ist eine wunderschöne Stadt, in der sich ein längerer Aufenthalt lohnt!




Loch Ness: Wo ist Nessie ..?

Am nächsten Morgen fahren wir extra zum Frühstück zum nicht weit entfernten Loch Ness. Dreimal darf man raten: Nessie ließ sich nicht blicken. Da ich mir allein schon wegen der Blitzer angewöhnte mit Navi zu fahren, wäre es gar nicht schlecht (wie bereits erwähnt), wenn es drei- bis viermal am Tag sagen würde " immer schön britisch fahren" ... bestimmt eine Marktlücke. Leider macht es das immer noch nicht. Dafür jedoch immer noch anlasslos meine unermüdliche Beifahrerin. Ich empfand es nie als lästig, sondern nahm immer dankbar die Erinnerung zur Kenntnis ...

Weiter ging es an der Küste entlang: Einen Übernachtungsplatz fanden wir am Hafen von Lybster. Das war ein wirklich toller Platz am Ende einer Stichstraße zum Meer. Hier war tatsächlich nur ein kleiner Hafen, in dem noch zwei Fischerboote aktiv waren und noch ein paar Häuschen dazu. Zum Frühstück gab es endlich endlich die hiesige Variante der bayrischen Hollerkiachl mit Guinness. Eine Anwohnerin am Hafen in der Nähe unseres Stellplatzes haben wir eingeladen und ein nettes Gespräch gehabt. Auch wenn man sich des Englischen recht mächtig wähnt, scheitert man jedoch immer wieder am schottischen Dialekt.

Der Besuch eines Vogelfelsens war ernüchternd, denn die Vogelgrippe hat die Populationen sehr ausgedünnt, wie uns gesagt wurde. Papageitaucher (Puffins) sind quasi verschwunden. Entsprechendes fiel mir vor einigen Jahren schon in Island am Vogelfelsen Latrabjarg auf



In Wick war nun inzwischen auch mal Wäsche waschen angesagt: Wir verbrachten darum hier drei Nächte auf dem Campingplatz, wo Kaninchen zu Dutzenden auf der Zeltwiese spielten. Da der Campingplatz nur schlecht ausgestattet war, nutzten wir den Waschsalon im Ort. Das war kein Problem und nicht weit weg. Die Stadt war historisch als Heringsstadt sehr wichtig und hat ein nettes Museum. Aber jetzt macht sie einen etwas heruntergekommenen Eindruck: Aus den Ritzen der Bürgersteige wächst Unkraut. Die Autos sind alle schick und gepflegt, aber viele Ladengeschäfte und Häuser sind abgewirtschaftet oder stehen leer. "For sale" und "To let" sind allgegenwärtige Schilder.

 

Ich weiß nun wieder, warum ich Campingplätze nicht so toll finde: Die Klokabinen und Duschkabinen sind für Minimenschen gemacht. Ich wusste gar nicht, dass es in Schottland nur Menschen bis höchstens 80 kg gibt. Die Tür der Klokabine lässt sich nur schließen , wenn man auf die Kloschüssel steigt.

Durch Ruinen in den Dörfern ergibt sich ein morbider Charme fast wie in Sizilien, nur ohne herum liegenden Müll. Viele verfallene Häuser stehen mitten in den Dörfern. Bei Burgen und Schlössern sieht man ausnahmslos einen "gepflegten" Verfall. Einfache Wohnhäuser aber sind oft nur gesichert und abgesperrt. Die meisten verfallen offensichtlich schon seit vielen Jahren ungepflegt

Das satte Grün der Landschaft sorgt für richtige Glücksgefühle, auch bei nicht so tollem Wetter. Vielleicht ist das der Grund, warum das Wetter den Schotten völlig egal zu sein scheint. Sie lassen sich dadurch weder von der Arbeit, noch von Freizeitspaß abbringen.

An den Küsten und an der NC500 ändert sich die Landschaft häufig. Das satte Grün überwiegt, aber Sandstrände wechseln mit Klippen. Schroffe Felsen und Hügel bekommen ein kroatisches Aussehen, wenn viele weiße Kalkfelsen dazwischen gestreut sind. Dann gibt es plötzlich wieder Wälder wie im Schwarzwald und grünen Dschungel mit Schlingpflanzen und Blüten auf den Bäumen. Bei Durness besuchten wir die Smoo Cave: Eine Höhle fast wie Postojna in Slowenien, nur deutlich kleiner. In der Höhle direkt am Meer gibt es einen Wasserfall mit einem zugehörigen Flüsschen, auf dem sogar Boote verkehren.

Im "Oldschool Café" hatten wir zu einem Frühstück eine nette Unterhaltung mit der italienischen Besitzerin, die hierher geheiratet hat. Sie sagt, dass Italiener und Schotten im Verhalten gegenüber anderen sehr ähnlich wären. Beide sind sehr kommunikativ. Ich kann das nur bestätigen. Sie beglückwünschte uns, dass wir nach mehreren Wochen Sonnenschein nun wieder echt schottisches Wetter erleben dürfen ... 

Ich persönlich finde die Westküste schöner als die Ostküste. Für eine Nacht verschlug es uns an die Bucht Loch Ewe: Ein historischer Platz, denn diese Bucht war nach der Aktion der Faschisten in Scapa Flow, wo ein deutsches U-Boot im Oktober 1939 eindrang und die HMS Royal Oak mit 833 Menschen versenkte, die Basis der britischen Navy. Militärisch war die Aktion wertlos, aber man meinte, damit die Schmach des Ersten Weltkriegs zu rächen, als die Reste der kaiserlichen Flotte in Scapa Flow festgesetzt wurden.
Danach verlegte man die britische Flotte hier her nach Loch Ewe. Nach Scapa Flow hinüber schauen kann man im Nordosten Schottlands bei John o` Groats.

Der Regen war in der letzten Nacht recht stark. Die Bäche sehen deshalb appetitlich aus wie Guinness Bier: Braun mit weißen Schaum drauf ... nur, dass diese Bräune vom Torf kommt, durch den das Wasser fließt.

 

Wohl wissend, dass der Geschmack des Wassers sehr entscheidend für den Geschmack des Whiskys ist, musste ich einfach probieren. Keine Ansiedlung in der Nähe? Keine Schafe in der Nähe? Dann ist es Trinkwasser! Das bräunliche Wasser aus dem Torf schmeckt hervorragend und noch viel besser mit einem Spritzer Whisky ... "Whiskywasser" ... es wurde von mir bereits 2004 in Norwegen erfunden.

Ich hatte auf einer Motorradtour Whisky in einer Metalltrinkflasche dabei. Als sie leer war, benutzte ich sie dem Zweck entsprechend für Wasser. Es waren noch wenige Tröpfchen Whisky drin und die verliehen dem Wasser aus dem Gebirgsbach einen unvergleichlichen Geschmack. Alcohol Units waren wohl nur noch in homöopathischen Dosen vorhanden, aber das tat dem Geschmack keinen Abbruch ... im Gegenteil!

Die ganze Gegend um den Ben Nevis herum ist überbewertet und mordstouristisch. Für die Briten ist er jedoch ein Riesenberg - mit 1.345 Metern immerhin der höchste in Britannien. Natürlich ist es hier sehr schön, aber man findet nicht einmal einen Nachtplatz, wo man sich ein wenig verkrümeln kann ...

Auf nach Islay

Ab nun lag die NC500 hinter uns. Heute geht es in Richtung Oban. Am dortigen Flugplatz werden Rundflüge über die Inseln angeboten und so ergab es sich, dass wir zu einem genau passenden Tag und - viel wichtiger - zum genau passenden Wetter da waren.

Der Rundflug mit einer kleinen zweimotorigen Maschine bot so eine Konzentration an Schlössern und Burgen von oben, dass ich ab sofort wohl nicht mehr nur von einer "Destillerietour" reden konnte. Aber Schlossbesichtigungen, sogar von oben, waren jetzt dann auch mehr als ausreichend. Allerdings selbst ich konnte Schlossbesichtigungen auf diese Weise durchaus angenehm finden ...

Eines meiner Ziele war ja die ganze Zeit die Insel Islay (sprich "Eila"): Von dort kommt der Whisky, der mir am besten schmeckt. Sie drängt sich also für Destilleriebesuche förmlich auf. Leider ist aktuell ein Schiff der Fährlinie kaputt und darum kann man nicht einfach in den Hafen fahren und kommt dann sicher mit. Priorisiert werden Fahrzeuge ohne eigene Schlafgelegenheit und natürlich einheimische Fahrzeuge. Im WoMo können die Leute ja jederzeit übernachten, sagen die sich. Nicht falsch, aber leider gilt das auch für den Land Rover. Ich konnte aber trotzdem ein Ticket ergattern. Dem Tasting und Einkauf in ein paar Tagen stand also nichts entgegen.

Wir hatten noch Zeit bis zur Abfahrt bei klasse Wetter. Wir blieben einen ganzen Tag länger auf dem Nachtplatz und lüfteten alles. Leider ist diese Fähre dann tatsächlich auch noch ausgefallen, aber es gab Ersatz von Kennacraig nach Port Ellen. Auch gut. Ich musste halt von Oban nach Kennacraig fahren und war dort für die Fähre eingebucht. Ein Zettel hing am Fenster des Fährbüros: "Bitte nicht die Mitarbeiter beschimpfen." Das war wohl ein schlechtes Omen und die Fährgesellschaft schien Erfahrung mit aufgebrachten Kunden zu haben, denn auch die gebuchte Fähre fuhr nicht, aber zumindest eine andere zwei Stunden später ... Doch diese Fähre fuhr tatsächlich auch nicht nach Port Ellen, sondern nach Port Askaig. Wir waren zwar bei der Ankunft verwundert, aber egal. So groß ist Islay ja nicht, dass es ein Problem gewesen wäre. Es ist aber seltsam, wenn man sein Navi startet und man ist gar nicht da, wo man sich wähnt. Was für ein Tag ..!

Vor der Abfahrt in Kennacraig hatten wir ja noch eine Wartezeit auf eine weitere Fähre und fuhren ein paar Kilometer zurück nach Tarbert: Im Hafen hörten wir grandiose Straßenmusikanten und tranken ein Guinness bei ihnen auf der Parkbank. Ein echtes Glücksgefühl bei strahlendem Sonnenschein und herrlicher Hafenkulisse! Da das Mull of Kintyre nicht weit weg war, wünschte ich mir das dazugehörige Lied von Paul McCartney von den Musikern. Ich hatte es vermutlich seit Jahrzehnten nicht gehört, aber diese Situation brachte es automatisch in mein Gedächtnis. Es passte hervorragend: Die beiden warteten offensichtlich nur auf diesen Wunsch und so hatten wir danach noch einen netten Plausch.



Endlich waren wir auf Islay. Das zu erwartende Wetter war ok und so buchte ich drei Nächte in Port Charlotte auf dem Campingplatz. Port Charlotte hat eine schön zentrale Lage, darum ist alles auf der Insel von hier aus gut und schnell erreichbar. Naja, die Insel ist so klein, dass irgendwie alles zentral ist. Der Blick über das Meer zeigte uns Bowmore, und Bruichladdich ist direkt der Nachbarort. Auf Islay besuchte ich als erste Handlung gleich mal den Shop von Bruichladdich und sah mich um. Mit Tasting natürlich ... der neue Octomore lag mir am Herzen.

Whisky Tasting? Autofahren? ... geht ja gar nicht!

Hier muss man gleich mal eine Abhandlung zu den bereits erwähnten britischen Alkohol-Units und den reinen Alkoholmengen einfügen: Ich habe mir nicht die Mühe gemacht (und das Personal im Shop auch nicht) zu berechnen, wie viele Units denn nun eine Probierdosis sein mögen. Aber berechnen wir doch einmal den Alkoholgehalt eines Bieres. Die meisten Biere liegen um die 5% Vol. Alkohol. In einer klassischen "Halbe" befinden sich also 25 ml reiner Alkohol. Eine Tastingdosis für Whisky ist mit ca. 20 ml zu veranschlagen, eher weniger. Ein Whisky mit 46% Vol. beinhaltet dann also 9,2 ml reinen Alkohol. Zwei Whiskys zu probieren entspricht also nicht mal einem ganzen Bier. Ich will hier nicht der hemmungslosen Sauferei das Wort reden, aber dramatisieren muss man auch nichts. Es handelt sich bei Whisky ohne Zweifel um sogenannte "harte" Alkoholika, aber die Leute überschätzen es oft völlig, wenn man an einem Glas Whisky eine halbe Stunde hin nuckelt und an einem Abend zwei oder drei davon trinkt.

Der Screenshot (Bild unten rechts) von Islay stammt von Kilchoman: Orange sind inaktive Destillerien, blau sind aktive und gelbe werden gerade gebaut.

Unser erster Trip ging in den Norden der Insel Islay, wo wir zur Destillerie Kilchoman kamen und dort gleich mal an einer Besichtigung teilnehmen konnten. Kilchoman hatte ich bisher gar nicht auf dem Schirm, aber sie offenbarte sich als äußerst interessante Farm Destillerie. Farm Destillerie heißt in diesem Fall, dass es sich nicht um eine Jahrhunderte alte Traditionsdestille handelt, sondern um eine relativ junge Brennerei, die als Alleinstellungsmerkmal hat, dass sie sogar die eigene Gerste auf der Farm anbaut, das eigene Malz produziert und es auch trocknet und räuchert.

Obwohl der Malzboden mit seinem typischen Pagodendächlein das Symbol der meisten Destillerien ist, war es ernüchternd für mich, dass sämtliche namhaften Marken Islays (und nicht nur sie) ihr Malz bei einer großen Mälzerei in Port Ellen bekommen ... mit ebenfalls bestelltem Torfräuchergrad ... bis auf diese einzige eben.

Malz ist nichts anderes als gekeimtes Getreide: Das Gerstenmalz bei Whisky hat einen fünf bis sechs Millimeter langen Keim, bevor es getrocknet und gemahlen wird. Auf Islay wird über einem Torffeuer im Rauch getrocknet, wodurch der Rauch- und Torfgeschmack in den Whisky kommt. Ich hielt das benutzte Malz doch immer für das Herz eines jeden Whiskys und genau dieses Herz machen die gar nicht selbst, obwohl sie es mit dem Pagodendächlein auf vielen ihrer Symbole implizieren? Ich war wirklich ein wenig enttäuscht. Kilchoman ist also tatsächlich die einzige Destillerie, die einen 100% Islay Whisky brennt und das noch in einem recht modernen Gebäude. Aber auch sie machen so nur eine einzige Sorte, die 100% Islay ist  ...

Zurück auf dem Campingplatz in Port Charlotte machten wir es uns gemütlich mit Blick übers Meer auf Bowmore, als ein Schotte mit einer Plastiktüte auf uns zukam: Ein Baum von einem Kerl mit schwarzem Vollbart fragte uns, ob wir einen Fisch haben möchten. Er kam wohl gerade von irgendwelchen Highland Games und hatte eben einen Baumstamm weit geworfen? Ich guckte wohl erst ein wenig verunsichert und fragte mich, was der nun wollen würde und so hielt er uns seine Tüte unter die Nase. Er hatte locker 7 kg Seelachs, Makrelen und andere Fische drin und meinte, wir sollen uns einen aussuchen. Ein schöner Seelachs gefiel uns gut und ich fragte ihn, was er kosten soll. Er winkte empört ab, legte den Fisch auf das Gras und meinte, er habe beim Angeln so viele gefangen, dass er sie gar nicht essen könne ...

Es dauerte nicht lange und wir hatten eine prima Unterhaltung über den Land Rover. Er meinte, er sei mit seinem Neffen da und der besäße auch so eine alte Kiste. Mein Landy fiel ihnen sofort auf und wir amüsierten uns prächtig. Ein Schotte, der laut schallend lachen konnte und den Mund dabei so weit aufriss, dass man am Zäpfchen vorbei fast bis in den Magen schauen konnte. Wir lachten sehr viel und hatten eine gute Zeit.

Die genannte große Mälzerei in Port Ellen baut gerade eine eigene Schaudestillerie im Glashaus. Ich war wohl sehr begeistert von den Destillerien auf Islay und erzählte während unserer Fahrten ständig leidenschaftlich davon. Meine Freundin hörte mir immer aufmerksam zu und fragte irgendwann "... und wo ist jetzt der seelenlose Technokrat?"

Mist, mit einem Schlag war mein so gut gepflegtes Image als seelenloser Technokrat ruiniert ..!?

Destillerie-Besichtigung

Ardbeg ist eine meiner favorisierten Destillerien und so war ein Besuch mit Besichtigung obligatorisch (Bilder unten). Die Guide sagte vor der Destillerie stehend mit einem Blick über das Meer: "If you can see Ireland, there is rain ahead. If you can't see Ireland, it is raining."

Hier wird es wirklich schwierig. Wie gendert man "Guide"? Die Person, die uns durch die Destillerie führte, war eine äußert kompetente und humorvolle junge Frau. Gibt´s im Englischen überhaupt gendern? Obwohl "gender" ein englisches Wort ist, konnte ich nicht erkennen, dass sich Briten darüber Gedanken machen. Der Guide ... die Guide ... völlig egal, Hauptsache kompetent!

Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass diese Destillerien natürlich kommerzielle Betriebe sind und zum Teil sogar zu großen Konzernen gehören. Wenn einem bei Ardbeg alte Maischefässer aus Eiche und alles in allem eine handwerkliche Struktur gezeigt wird, dann muss das nicht unbedingt dem täglichen Geschäft entsprechen.

Der Spirit Safe (Bild Ardberg (4) hat eine wichtige Aufgabe: Früher wurde er verplombt und diente den Behörden als Messstelle für die Menge der Alkoholproduktion und damit der Steuern. Hauptsächlich dient er aber als mechanischer Umschalter zwischen den destillierten Alkoholqualitäten. Als erstes kommt bei einer frischen Charge Maische der sogenannte Vorlauf. Da bei Methanol die Siedetemperatur bereits 65°C beträgt, kommt dieses neben anderen unerwünschten Stoffen als erstes: Man will es nicht trinken, denn es macht nicht nur blind, sondern auch blö ...

Dann kommt die Hauptfraktion, die mit dem Spirit Safe umgeschaltet und in einen extra Behälter geleitet wird. Sie besteht aus dem Trinkalkohol Ethanol und siedet bei 78°C. Daraus wird zum Schluss der Whisky.

Danach kommt noch der Nachlauf (Feint), der hauptsächlich aus weniger leicht flüchtigen sogenannten Fuselölen besteht. Die Definition zwischen Vorlauf und Nachlauf mit dem dazu gehörigen Umschaltzeitpunkt wird messtechnisch erfasst. Die Umschaltung zwischen dem Spirit und dem Feint offenbart aber die Kunst des Destillierens. Fuselöle will man nicht, denn sie bereiten Kopfschmerzen. Sie tragen aber auch viel Geschmack. Man erkennt, dass man vielleicht doch ein paar haben will ..?

Das Pot Still Verfahren macht das Ganze zweimal: Erst wird also die Maische (Mash) in der Pot Still destilliert und die Hauptfraktion wandert dann aus dem Spirit Safe mit Zumischungen aus Vorlauf und Nachlauf in die Spirit Still. Deshalb sieht man immer zwei Stills hintereinander geschaltet. Der zweite Spirit Safe macht dann noch einmal die gleiche Separation.

Viele Destillerien haben einen Ausstoß, der mit den auf diesen Führungen gezeigten Brennblasen (Bild Ardberg (6) nicht zu erklären ist. Im Hintergrund werkelt also sehr oft ein richtiger Industriebetrieb, der unter anderem auch Industriealkohol produziert. Den Vorlauf (Methanol) kann man ja nur dazu brauchen. Die auf der Tour gezeigten Einrichtungen erklären trotzdem sehr gut den Prozess und die entstehenden Produkte sind mit einem industriellen Hintergrund nicht weniger gut. Die Destillerien haben trotzdem ein romantisches Flair und sind einfach schön.

Eine sehr angenehme Hemdsärmeligkeit zeigt sich durch solche Details. Da war wohl ein Praktiker wie James Watt am Werk: Im Stillhouse von Ardbeg liegt doch tatsächlich ein Ruderboot (Bild Ardberg (7). Vermutlich ist es für Brennblasenexplosionen vorgesehen, wenn die Maische hektoliterweise durch das Stillhouse schwappt ..?

Zumindest die Tage auf Islay waren inzwischen doch meine ersehnte Destillerietour und ich kam voll auf meine Kosten. Die Straßen auf Islay empfand ich als besonders wellig: Nicht kaputt, aber besonders wellig und uneben. Freunde des sportlich harten Fahrwerkes werden hier nicht glücklich. Das Ganze lässt eher einen Bandscheibenschaden erwarten. Aber es bremst die Durchschnittsgeschwindigkeit zusammen mit den Single Track Roads enorm, um möglichst viel von der Gegend mitzubekommen. Wie in ganz Schottland gibt es hier fast nur Single Tracks, die einspurige Straßen mit Ausweichbuchten sind. In den Ausweichbuchten (Passing place) für irgendwelche Verrichtungen stehen zu bleiben, kommt übrigens gar nicht gut an: Passing places sind nicht als Parkplätze gedacht. Man ist auf jeden Fall langsam genug für jede Menge Landschaft unterwegs. Die Torfabbaugebiete sind eigentlich relativ klein und sie prägen nicht die Landschaft. Fast muss man suchen, um solche Bildmotive zu finden ...

Bei Bruichladdich habe ich dann doch den probierten Octomore gekauft. Ich kenne die Marke schon lange und war immer begeistert. Diese Marke gilt mit bis zu 300 ppm Phenol als der am stärksten getorfte Whisky der Welt. Das klingt spektakulär und wirkt sich aber toll aus. Selbst mit Fassstärke (cask strength) von über 60% Alkohol kann man ihn trinken, ohne dass die Zunge pelzig wird, obwohl man eigentlich immer ein wenig Wasser beifügt. Nur wenige Tröpfchen Wasser sorgen in einem guten Whisky quasi immer für eine enorme Geruchsfreisetzung, eine regelrechte Duftexplosion. Man kann vor dem Genuss gar nicht genug schnuppern ("Nosing")! Sogar bei minimalen Schlückchen hat er einen extrem langen Abgang. Nach 15 Minuten schmeckt es im Mund immer noch, als hätte man gerade genippt ...

Mein Whiskyerlebnisbedarf ist nun nach diesem Intensivkurs fürs erste gestillt. Bye Islay: Heute geht es zurück auf die große Insel und wie geplant in Richtung Edinburgh.

Edinburgh

Ich machte wieder den gleichen "Fehler" wie letztes Jahr in Island: Ich dachte mir "Du hast ja viel Zeit" und buchte erst mal nur die Hinfahrt mit der Fähre um flexibel zu sein. Die Rückfahrt von Britannien auf das Festland ist zwar erheblich einfacher als von Island, weil es nicht nur eine Strecke gibt. Aber man muss in Kauf nehmen, an nicht vorgesehene Orte fahren zu müssen. Das war hier der Fall, denn Hull-Rotterdam war im in Frage kommenden Zeitraum ausverkauft. Wir bekamen einen Platz von Harwich nach Rotterdam und mussten dazu halt nach dem Besuch von Edinburgh ein Stück weiter nach Süden fahren.

Wer in Edinburgh eine günstige Bleibe sucht, sollte sich das Studentenwohnheim Beaverbank Place anschauen: Es handelt sich um Studentenappartements, die in vorlesungsfreien Zeiten und leer stehend als Fremdenzimmer vergeben werden. Einfach und günstig für Edinburgh mit guter Busverbindung. Über Edinburgh lässt sich nur sagen, dass es sich um eine wunderschöne Stadt handelt. Sie ist allemal einen Besuch wert und bietet enorm viel. Alleine im Edinburgh Castle lassen sich Tage verbringen und ich denke, man findet genug Infos im Internet.

Die vorgesehene Airshow in Duxford im Imperial War Museum ist ausverkauft, wie sich nun herausstellt. Schade, das wäre noch ein Ziel gewesen, um großvolumige Propellerflieger zu sehen. Nun geht es aber trotzdem nach Süden: Schottland ade!

Durch die Hügellandschaften kommen wir fast bis nach Hull. Am Besten mitten durch und zur Navigationshilfe den kürzesten Weg über kurze Distanzen routen. Das führt über Wege, die man sonst weder von selber fahren, noch finden würde. Ein dickes Wohnmobil ist aber nicht empfohlen, da die max. Durchfahrtsbreite schon mal 2,20 Meter sein kann, bzw. "weak Bridges" auf 3,5 to begrenzt sein können. Dann stehen aber schon vorher Schilder da: "Unsuitable vor HGV" wobei ein HGV ein "Heavy Goods Vehicle" ist, ein LKW also. Das steht auch bei vielen Byways: Die Straßen sind meist single tracks und oft fährt man regelrecht durch einen grünen Kanal, weil die Hecken auf beiden Seiten so hoch sind. Das begrenzt die Aussicht, hat aber oft einen ganz eigenen Charme.

London

Da wir noch einen Blick nach London werfen wollten (wenn man schon in der Nähe ist), buchten wir uns einen Campingplatz in Edmonton, also noch knapp außerhalb der LEZ im Norden von London. Die LEZ ist die "Low Emission Zone" von London.

Wir verbrachten einen ganzen Tag in London, in das wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Edmonton aus hinein fuhren. Im Sightseeing Bus wurden wir zwei Stunden durch London kutschiert. Selber laufen geht bei mir ja nicht mehr so gut. Wenn man große Städte sowieso am liebsten umgeht, dann ist das eine brauchbare Lösung. Geballte Infos bekommt man am besten im Bus auf so einer Rundfahrt. Schottisches Geld von der Bank of Scotland funktioniert nicht in London: Von Manx Pound (Isle of Man) wusste ich das, aber dass auch die Schotten eigene Pounds haben, wusste ich nicht. Man schaut wohl etwas überrascht aus der Wäsche, wenn der Händler sagt, dass Pounds von der Bank of Scotland nicht genommen werden ...

Der Brexit ist wohl nicht das größte Problem der Briten: Überwachungskameras entdeckt man überall. Wir sind vollständig überwacht ... aus welchem Grund auch immer. Da fühlt man sich doch gleich sicherer ...

Diese Stadt atmet Geschichte. Sie atmet aber auch eine unglaubliche Dekadenz.

  • Obdachlose mit Schlafsäcken in Parks mitten in der City
  • Glaspaläste des großen Geldes
  • Jugendliche mit Goldzähnen
  • Royal, royal, royal ... aristokratisches Getue überall
  • Der Buckingham Garten ist eingemauert mit Stacheldraht auf der Mauer. Man schützt sich vor den Briten?
  • Blaulicht und Autoalarmanlagen permanent

Die Tour geht natürlich auch am (königlichen, was sonst) Justizpalast vorbei, wobei ich unwillkürlich an Julian Assange denken musste: Wie lange ist er jetzt schon in dieser prächtigen Stadt seiner Freiheit beraubt und wofür ..? Nach Schottland ist das ein echtes Kontrastprogramm. Sie zeigt wie so oft, dass die Politik der Staaten mit den Menschen nichts zu tun hat. Der Prunk und der Protz in London mit verfallenden Dörfern in Schottland auch nicht.

Resümee

London und der ganze urbane Raum rund herum ist für mich gegessen und wäre ich kein seelenloser Technokrat, dann hätte mir dieses Erlebnis Schottland wohl auch noch verleidet.

Schottland ist jedoch eine wunderbare Gegend, in die man auch gerne ein zweites Mal fahren möchte, weil dort sogar die Städte anders sind ... einfach menschlicher. Wales und weite Gebiete im Westen und im Süden der Insel warten auch noch. Bis bald mal ...

Zum Schluss noch eine weitere kleine Auffälligkeit ... ohne es Leidenschaft nennen zu wollen. Alte Telefonzellen bleiben stehen und dienen oft als Tauschstellen für alle möglichen Dinge.

Ein Ratespiel: Welche hatte wohl ein Freizeichen?    © Sigi Heider