Baikal - Dreiviertel unterwegs

Ich habe in den vergangenen Jahren ein Buch geschrieben und es nun endlich veröffentlicht. Es beschreibt meinen Werdegang seit einem Schädel-Hirn Trauma, das ich nach einem Motorradunfall erlitt.
Baikal – dreiviertel unterwegs. Behindert reisen.
Sigi Heider
Was macht man mit einem langgehegten Plan, wenn er plötzlich vom Schicksal gekippt zu werden droht? Man versucht ihn so schnell wie möglich umzusetzen, solange es noch irgendwie geht.
In diesem Fall sorgten Unfallfolgen für schnelles Handeln.
Seit Jahren wollte ich mit dem Landy zum Baikalsee reisen. Ein Unfall mit Schädel-Hirn Trauma sorgte dafür, dass vieles überdacht werden musste. Er führte zu einer Behinderung und vielen Fragen. Meine Antwort auf diese Fragen war eine Gegenfrage, die ich mir selbst stellte: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Den Baikalsee und Russland empfand ich als lohnenswertes Ziel, weil ich immer das Gefühl hatte, dass wir über die USA eigentlich alles wissen. Amerika durchdringt unser Leben durch und durch. Über Russland wissen wir nichts, obwohl es unsere Nachbarn sind. Die derzeitige Hysterie macht nur neugieriger. Der Baikalsee ist sicher auch für gesunde Menschen schon herausfordernd, das ändert aber nichts an seiner Anziehungskraft auf mich.
Also gab ich den geliebten Job auf, kündigte meine Wohnung und los fuhr. Finanziell war es mit Ersparnissen vertretbar, wenn ich keine Miete mehr zahlen musste. So ein Geländewagen mit Übernachtungsmöglichkeit sorgt unterwegs für sehr geringe Wohnkosten. Auch wenn man den Land Rover nur sehr eingeschränkt als „Wohnmobil“ bezeichnen kann. Dafür ebnet er aber die Wege in recht untouristische Gegenden.
Nun führte aber die Zeit von Corona und der Ukrainekrieg dazu, dass ein Plan B den nächsten jagte. So wurde aus dem Baikalsee leider nichts, aber 3 Jahre Reisezeit quer durch Europa kamen doch zusammen. Das Buch zeigt , wie man ohne Wohnung und mit viel Freizeit in einem alten Land Rover zurecht kommt. Es ist insofern auch ein Tagebuch, das beschreibt, warum man alles hinter sich lässt und los fährt. Viel Planung gab es nicht. Nur Ideen. Eine der grössten Herausforderungen war die Frage, wo ich den Inhalt meiner Wohnung lasse. Ein Seecontainer und die Einlagerung war die Lösung. Auf der Reise selbst ergaben sich ständig neue Optionen und Möglichkeiten, auf die ich mich nur einlassen musste.
Das Motto dieses Buches über behindert reisen ist: „Immer ein klein wenig über die eigenen Grenzen gehen. Aber nie so weit, dass man nicht zurück kann.“
Reisen mit Behinderung kann je nach Behinderung oder Reiseart einfach oder sehr schwer sein. Hier ist es beides. Die Geschichte reicht von profan bis kompliziert. Das geht beim eigentlichen Ziel los – über Knüppel zwischen den Beinen bis zu dummen Sachzwängen. Trotz allem ist eine erfüllende Reise beschrieben. Dass es auch ein Leben vor der Behinderung gab, zeigt sich in zahlreichen technischen Details und Infos zum Land Rover, seinem Ausbau und technischen Umbauten. Die eine oder andere philosophische Betrachtung darf auch nicht fehlen. Schließlich kann man ja sogar das Reisemittel, den alten Land Rover, als philosophisch betrachten. Diese Art, damit zu reisen, sowieso.
Zum Schluss bewahrheitete sich der Spruch: Machen ist wie Wollen … nur krasser.
Leseprobe:
Restauration
Der Unfall liess mich generell über alles nachdenken. Lange Zeit war ich danach auch in Ergo- und Physiotherapie. Eine Restaurierung des Autos war geplant und dringend nötig … aber ging das noch? Alleine ohne Zweifel nicht, aber jede Menge Freunde halfen mir und so war die Restaurierung des OneTen eine willkommene Fortsetzung meiner Therapien. Nein, diese Restaurierung hat jede Therapie bei Weitem getoppt. Viele Freunde, die selbst einfach einen anderen Wagen besorgt hätten, hielten mich für total bescheuert. Ich brauchte dreimal so lange wie erhofft und kalkuliert, aber es ging, wenn auch furchtbar zäh. Immer ein wenig über die Grenzen gehen! Aber ein bisschen Recht hatten meine Freunde schon!
Optisch blieb er das alte Auto, was ich auch wollte. Aber sowohl das ganze Fahrwerk inklusive Rahmen, als auch alle Getriebe, der Motor und die Achsen, waren neu aufgebaut und besser als neu. Eine Fortsetzung des typisch britischen Understatement, aber was für eine Plackerei! Er sollte ein "Daily Driver" und ein Reisefahrzeug bleiben. Der Showroom ist für andere. Ich mag es sehr gerne, wenn man sieht, was der Wagen schon erlebt hat. Für mich ist es Gebrauchspatina, die man pflegen muss, für andere ist es abgenutzt. Gut, dass ich früher schon alte Getriebe und Achsen kaufte und sie nach der Revision ins Regal legte, als ich noch gesund war. Das sparte mir jetzt nach diesem Unfall jede Menge Arbeit und ermöglichte vieles. Man merkt, die Restauration kam nicht völlig überraschend.
Meinem Ziel gingen also erst mal lange drei Jahre Restauration voraus, viel länger, als ich eigentlich dachte. Ich hätte für dieses Geld tatsächlich auch ein anderes Auto kaufen können. Aber der Therapieeffekt war mir wichtig und jetzt hatte ich nicht nur irgendein Auto, sondern einen saugeilen Oldtimer, bei dem unten drunter alles besser als neu war. Und richtig toll war diese selbst gebastelte Therapie noch dazu! Wo stünde ich wohl, wenn ich das nicht gemacht hätte? Es war ein unglaubliches Erfolgserlebnis, zu sehen, dass es immer noch geht. Ein weiterer sehr positiver und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt war: Ich kannte an diesem Auto jede Schraube! Man traut sich auch mit einer alten Karre ziemlich weit weg, wenn man sie in- und auswendig kennt und sich deshalb hoffentlich immer helfen kann.
Ok, die Frage: "Soll ich mich das trauen?" stand schon im Raum. Aber da alles neu war, hofft man auch auf wenig Defekte, obwohl man nichts ausschliessen kann. Hoffentlich musste ich mir also nicht ganz so viel selbst helfen. Es braucht schon völlig andere Anstrengungen, wenn man nur noch zu drei Vierteln fit ist und deshalb auch gefühlt nur zu drei Vierteln unterwegs sein kann. Die Grenzen sind eben ein Viertel näher. Ohne Russisch zu können oder doch zumindest das kyrillische Alphabet, kommt man wohl auch nicht weit. Nicht mal Wegweiser an den Strassen kann man dann lesen. Also machte ich mich parallel zur Restauration noch an die russische Sprache heran. Den vielen kaputten grauen Zellen im Kopf konnte das nicht schaden, auch wenn es mühsam war. Ich hoffte darauf, dass das Gehirn wirklich das regenerativste Organ des menschlichen Körpers sei. Man muss es nur fordern, dann tut es schon was. Leider sitzt da oben nicht nur das regenerativste Organ, sondern dummerweise auch der innere Schweinehund und der führt sein Leben munter weiter. Er muss ganz schön oft überwunden werden … ächz.





